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Phillip Boa And The Voodooclub
-Die
Songs und die Sehnsucht nach Songs werden immer
bleiben-
Ursprünglich
wollte Phillip Boa mit dem letzten Album „The
Red“ seine Selbstzerstörung inszenieren.
Kommerzielle Höhepunkte waren die letzten
beiden Alben nicht, und so gab es eigentlich auch
nichts mehr zu verlieren. „The Red“
feuerte Distortion und Lärmattacken ungestüm
auf den Hörer ab, der Songtitel „When
I´m Bored“, unmissverständlich
ein Statement, kreiste darüber wie der sprichwörtliche
Geier. Und doch konnte sich Boa zu einem neuen
Album aufraffen, das er passend zum 40. Geburtstag
der Kompakt-Kassette „C-90“ nannte.
Dabei besann sich der Dortmunder wohl wieder auf
etwas sanftere Töne und orientiert sich mit
dem dreizehnten Album „C90“ musikalisch
wieder ein Stück rückwärts. Pia
Lunds engelsgleiche, hellen Vocals erklingen wieder,
sie teilt sich die weiblichen Gesangsparts mit
Alison Galea (Beangrowers) und Kristina Davis-Barrett.
Die Songs kommen insgesamt sanfter daher als zuletzt,
haben aber immer noch ihre Kanten, verlangen die
geduldige Aufmerksamkeit des Hörers, um sich
zu entfalten. Vordergründiger Hitcharakter
spielt auf „C90“ eine eher untergeordnete
Rolle.
Phillip
Boa im Interview mit Christian Dännart
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Dein neues, dreizehntes Album trägt
den Titel „C90“. Ist es eine Liebeserklärung
an die Kompaktkassette, mit der sich wohl jeder von uns
befasst hat?
"Die Idee zu "C90" begann als Song, ich
weiß nicht, woher das kam. Es ist eben das beliebte
Kassettenformat, mit dem ich großgeworden bin. Der
Song kam nicht aufs Album, weil er thematisch einfach nicht
passte, aber der Titel gefiel mir gut, und so haben wir
uns für diesen entschieden. Thematisch ist das interessant,
weil es eben die Kassette zelebriert und eben auf das Verschwinden
derselben aufmerksam macht. Es ist ein Statement, ein Ausbruch
aus den einheitlichen CD-Veröffentlichungen. Alben
weniger Bands erscheinen immer noch auf Vinyl und Musikkassette.
Die Idee kam vielleicht auch vom Film "High Fidelity",
in dem ein Musikfreak und Plattenladenbesitzer ein Tape
für eine Frau aufnimmt, um sie zu beeindrucken. Es
ist so schön anachronistisch, Schallplatten auf ein
Tape aufzunehmen, und irgendwie romantisch. Es symbolisiert
die Liebe, die Hingabe, die man der Musik entgegenbringt,
und das geht immer mehr verloren und wird irgendwann der
Niedergang der Musikindustrie sein."
Im Song Ex 1/2 Popstar
geht es ja unmissverständlich um Dich.
"Der Ex 1/2 Popstar ist nicht nur Selbstironie,
es ist die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Landung
dort, wo sich die Realität befindet. Das ewige Davonlaufen
ist zu Ende. Es ist ein lustiger Song über mich selbst,
über meine Rolle in der Musikszene, wie ich sie selbst
einschätze: Jetzt verwalte ich meinen Ruhm und versuche,
anständige Platten zu machen, habe aber keine allzugroße
Lust an meiner Vermarktung. Gerade habe ich einem Redakteur
eines ARD-Magazins abgesagt. 4 Sätze in einem Interview
zu meinem Album abzulassen und dafür nach Berlin zu
fliegen, da hatte ich einfach keine Lust drauf. Und auch
nicht auf die anderen Dinge, die man machen muss, um wenigstens
ein halber Popstar zu sein."
Deine Vermarktung läuft aber trotzdem auf Hochtouren,
unlängst war sogar ein Spot für „C90“
auf RTL II zu sehen.
"Ich konnte die RTL II Werbung für "C90"
und die Single "Slipstream" nicht verhindern.
Dieser Werbeslot ist von BMG Berlin gekauft und es ist jemand
ausgefallen. Es war ein Gefallen, den uns ein A&R-Mann
damit getan hat. Ich selbst war davon nicht so begeistert,
aber der Manager war so stolz, diese Möglichkeit umsonst
aufgetan zu haben, da wollte ich ihm das auch nicht kaputtmachen."
Kommt man auf einen Song wie Courtney Love Why Not, wenn
man sich an einem Strand in Malta befindet? Das Presseinfo
spricht ja davon, dass die Texte Geschichten aus Deiner
eigenen verschrobenen Welt sind.
"Erstens sind die Strände auf Malta sowas
von schlecht, außerdem wohne ich auch noch im Ruhrgebiet.
Aber der Song entstand, weil ich ein einfaches Lied schreiben
wollte, über einen anderen Popstar oder Ex-Popstar,
Courtney Love ist für mich einfach faszinierend. Ich
bin großer Nirvana-Fan, sie ist Kurt Cobains Witwe,
ich mag sie und ihre Musik, und manchmal hasse ich sie auch.
Es ist ein interessanter Widerspruch, man empfindet Mitleid
für sie und Faszination für ihren Glamour. Sie
ist einer der wenigen Stars, die es noch gibt, die sterben
ja alle aus."
Auf dem neuen Album herrscht kein wirklich offensiver
Hitcharakter, die Songs sind eher verspielt und tricky.
Ich kann mir vorstellen, dass „C90“ kein großer
kommerzieller Erfolg wird.
"Verspielt und tricky ist gut, das geht so in Richtung
der ersten Alben. Es sind Songs, die Du Dir erarbeiten musst.
Und das gilt für fast alle der Stücke.“
Gerade die beiden Vorgängeralben „My
Private War“ und „The Red“ waren an sich
recht heftig. „C90“ hingegen ist wieder etwas
sanfter. Hast Du mit den letzten beiden Alben für Dich
etwas abgehakt?
"Nein. Zunächst muss ich mit einem neuen Album
ja versuchen, etwas zu machen, was ich vorher nicht gemacht
habe. Wiederholungen müssen erst einmal ausgeschlossen
werden. Es sollte aber immer noch nach Boa klingen, und
das tut „C90“ auch. Es verändert sich immer
viel um einen rum, ich halte meine Augen und Ohren offen,
sie sind sensibilisiert für alle möglichen Informationen
auf dieser Welt, so ändere ich mich ständig, mit
der Welt. Mich haben auch einige Bands inspiriert, ich hatte
plötzlich keine Angst mehr davor, meine alten Helden
wieder aufleben zu lassen. Der Gitarrenstil kommt von Bands
wie Gang Of Four, Television, Talking Heads, Inspiration
für eine Menge neuer Bands. „The Red“ hat
mich dazu befreit, die Arbeit mit Tobias Kuhn, dem Miles
Sänger und Produzent Olaf Opal hat mir dazu den Kick
gegeben.“
Pia Lund ist auch zurück. Das werden viele
Fans Dir sicher danken. Wie hast Du sie zurück in den
Voodooclub bekommen?
„Irgendwie wollte ich ein Album machen mit Alison,
Christina und Pia. Das wäre das Optimale, und so habe
ich angefangen, Pia zum umwerben. Es war nicht ganz so einfach,
aber es hat geklappt, wie man sieht"
Mit Viva II ist eine wichtige Plattform für
Alternative/Rock verschwunden. Mittlerweile muss es ja ungleich
schwieriger sein, die Leute zu erreichen.
„Es wird immer schwieriger, auch nur einen Teil
von der Masse zu erreichen. Die ganz breite Masse habe ich
ja noch nie erreicht. Aber das versuche ich auch nicht,
wenn das so wäre, da gäbe es mehrere Möglichkeiten,
dann könnte das sehr peinlich ausgehen.“
Es war zu lesen, dass gerade das letzte Album „The
Red“ bei den Kritikern zwar sehr gut weg kam, sich
aber nicht allzu gut verkauft hat. Inwieweit ist so etwas
für Dich eigentlich noch wichtig?
"Die Verkaufszahlen sind für jeden Künstler
irgendwie wichtig. Wenn sich das neue Album noch schlechter
verkauft als "The Red", dann hätte ich beispielsweise
das Problem, dass ich keine Plattenfirma mehr finde, oder
nur eine kleine Firma, die die Recordingkosten nicht tragen
kann."
Genau in dieser Beziehung wird Dich die CD-Brenn-Problematik
ja auch betreffen. Ich denke, auch Du must Einschnitte hinnehmen.
"Die empfindlichen Einschnitte, die die Musikindustrie
hinnehmen muss aufgrund der Brenn-Problematik wird den Markt
wohl bereinigen, ich hoffe, dass daraus etwas Neues entsteht.
Aber das Downloaden nimmt ganz klar Überhand. Ich habe
von meinem Neffen mal den Satz gehört: „Was meinst
Du mit CD´s kaufen? Kein Mensch kauft CD´s,
die werden heruntergeladen“, das ist schon ein Aspekt,
der negativ ist. Aber ich darf mich da letztendlich nicht
darüber beklagen, ich habe in meinem Leben schon so
viel Glück gehabt mit meinen Platten, konnte schließlich
18 Jahre lang von der Musik leben. Aber die Romantik geht
bei gebrannten CD´s halt völlig flöten,
so ohne Cover und unbedruckt sehen CD´s doch scheiße
aus. Die Musikindustrie kann mit ihrer Dummheit alles zerstören,
aber den Song an sich nicht. Die Songs und die Sehnsucht
nach Songs werden immer bleiben.“ |
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